der erste jugo

nachdem vata das vater unser fotografierte
sagte er
nehmt euch in acht vor den ausländern
sie stehlen
sie sind böse
sie erschlagen euch selbst dann noch wenn ihr längst tot seid

der erste jugo nahm in unserer klasse platz
seine mutter hatte ihn mitgebracht
er stand zuerst da
er stand mit schweren anzug da
ein anzug so schwer wie die leichteste ballade eines traurigen dichters
geboren in bihac
geboren in bosnien
geboren in jugoslawien
geboren in europa
geboren auf dieser welt
geboren in irgendeiner klinik
geboren durch die hände eines arztes
herausgeholt mit den händen einer hebamme
einer jugoslawischen hebamme
ich stellte mir vor im anzug
ich stellte mir seine geburt im anzug vor
wie er dalag
ganz nackt und trotzdem im anzug
im jugoslawischen anzug
so stand er vor uns
er setzte sich
er wusste nicht wohin
auch ich wusste selten wohin und
ich fragte mich
was ist jugoslawien
und ich fragte
ergibt diese frage einen sinn
ich sah wie er sich setzte
er saß neben heike
heike war die schönste
sie war die erste die keinen bh mehr trug
wir ertrugen es nicht
wenn sie einen bleistift verlor
wenn er sich auf den boden ausbreitete
ich verlor jeden faden
es gab nichts mehr
ich sehnte mich danach dieser bleistift zu sein
von ihr gespitzt zu werden
aber was hatte das zu tun mit dem ersten jugoslawen den ich sah
es sollte nicht der letzte sein
das wusste ich nicht
das konnte ich nicht wissen
ich war zur bleistiftgrösse geschrumpft

nachdem vata uns fotografierte sagte er
seid vorsichtig
vorsichtig bei den ausländern
wenn sie euch was fragen
tut so
als würden sie euch nicht verstehen
geht weg
geht ohne zu antworten

ich fragte den ersten jugo ständig
wie ist es neben ihr
und der erste jugo lächelte und sagte
es ist als würde man verlassen werden und
es wäre immer schön

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Der dicke Dichter

der dicke dichter ist eingetroffen
alle wollen nur die schönen sehen
der dicke ist stumm
er raucht nicht mal
das ist ungesund sagt er
aber in seinen gedichten raucht selbst die abwesenheit
sie raucht tränen und versucht sich aus allem herauszuhalten.
wie sollte der dicke dichter nicht weinen wenn er dieses gedicht vorliest
er weint wie ein walroß lächelt wenn ihm die sehnsucht überkommt
warum sehe ich nicht aus wie julia engelmann fragt er sich
er möchte am hafen sitzen und sich illusionen machen
er möchte brot in der hand tragen und an judith holofernes denken
die so gerne am bahnhof in gießen steht
sie steht da
trinkt kaffee
schaut wie abwesende an ihr vorbeiziehen und wenn man sie später fragt
was hast du da gemacht
sagt sie
ich war es nicht
so sägt er an seinem schatten
die anderen autoren wollen endlich dass er geht
einmal war er dort
da wäre er beinah geblieben
doch dann sagte die fürstendichterin
mir geht es so schlecht wenn du da bist, komm fahr zu seite und
verabschiede dich wie es dicke dichter tun, sie schrieb ihm
einen abschiedsbrief
sie schrie mehr als dass sie schrieb
sie schrieb
denkst du daran die butter aus deinen augen zu streichen
was bist du nur für ein mensch
überall wiegen sich die dünnen dichter und
wenn sie von mir sprechen
sprechen sie immer von einer
der man gerne mal zusehen würde
wie sie den dicken dichter füttert mit trüben abschiedsworten

oder die nacht


was immer falsch beginnt
der morgen
die alten sätze
die an keine wirklichkeit mehr glauben
die dünnhäutigen die alles lächerlich finden
andere gedanken sind dumm
sind schadhaft
uns gehört nichts
vergessen der traum man könnte an den rändern stehen
und gesehen werden von seinem eigenen spiegelbild
wir verbrennen langsam
werden durchsichtig
suchen bilder von denen wir hoffen
dass sie uns weiteratmen lassen
oder
das wir vergessen dass es ähnlichkeiten gibt
das wir unser leben begraben noch ehe wir es haben
so traurig kann man existieren
in dem man die nächte verrät
an kopierte lösungen
die immer damit enden
dass man über poesie lacht

desmuttersanfang

die erste mutter hieß
adam
sie stieg von den bäumen und
verkaufte semmeln
die semmeln waren gut
sie rutschten hinunter ins tal
im tal war ihr alles fremd
sie küsste die eigenen augen
das schreibe ich gleich nochmal
sie küsste die eigenen augen
zu ihrer ehrenrettung muss man sagen
sie war ein pilz
der pilz war vergiftet
eva durfte nicht davon essen
deshalb aß sie den apfel und entkam so
dem vorzeitigen tod

jammer

die alte maus dreht sich um
was sie sieht kann sie nicht sehen
kann sie nur rufen
sie ruft es nicht
denn was sie hört erkennt sie nur zu gut

wir sitzen herum wie schweigende
warum wir nichts reden weiß keiner

die alte fliege ruft
das rechte auge aus dem gesicht
sie kann nicht erkennen dass draußen ein fluss ist
das drinnen das jenseits beginnen kann

alles bleibt unerreichbar
dunkler schatten ohne linie
wir suchen im abgrund die
nacht und bemerken nicht
sie liegt hinter uns und ruft
unsere namen bereits

wir
das sind die vergesslichen
die am morgen erwachen
mit dem liebesvollen blick
einer durchtränkten sorge

wir begraben die umarmung nicht unter uns
wir vernichten sie um uns endlich zu erinnern

lesen sie das

im lokal zum madras
tief gebeugt
ohne sorgen
sie
das dünne kleid im schatten der stühle
fragt ihn
nach seiner geburt
damals gab es noch schicksalstage
er möchte sie aufzählen
ohne darüber zu reden
eins, zwei, drei, vier ruft er
im lokal hallt es
e borsta de lokale
gut dass die augen alles aufsaugen
worte abdecken
handlungen verschieben
bei madras wo das vorzügliche in den bodensuppen steckt
dunkle schleifbüssen die starren
starren draußen den wind an
flügeltüren tun sich auf wie wilde übereifrige
die zu spät kommen und sich vorkommen
so ganz ohne auskommen
man bräuchte mal wieder einen schiefen gang
bei madras
in den sänften
helle orte kennen kein versprechen
heimlichkeiten ausgesperrt wie sonden die man über
die flüsse legt
dünne einschnitte
im hagel der nacht
im sturzfieber des draußen
fragt sie
ist es verboten sich zwischen den zeilen wohlzuäugeln
der idiot sagte auch noch ja
da legten sie los
bei madras
sie werden sich erinnern
später
wenn alles längst verklungen
die letzten rufnummern eingetrocknet
die letzten dünnen sätze vergraben
in alle winde wird gespuckt
später
wenn in den dörfern die nachtigallen
nach den ersten rufen und
wir
die wir nichts sind
nur leser und aufschreiber
wir warten auf
auf alles was man vergraben
vergessen und versäumen kann
tiefe lieblichkeiten
die sanft über wangen stolpern
zittern nur wenn sie wieder stehen